Rosalind Krauss Expanded Field Skulptur Postmoderne

Expanded Field / Rosalind Krauss als Druckversion (PDF mit Fn. 255 KB)

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Expanded Field / Rosalind Krauss

in: skulptur projekte münster 07, Ausstellungskatalog Westfälisches Landesmuseum Münster, hrsg. von Brigitte Franzen, Kasper König und Carina Plath, Köln 2007, S. 356-357.

Die im 20. Jahrhundert sich ereignenden Brüche in der Gattungsgeschichte der Skulptur stellen die Frage nach der inneren Kohärenz der Gattung, ja, nach dem Sinn, den Begriff der ‚Skulptur’ nach wie vor zu verwenden. Rosalind Krauss reagierte auf diese Problematik in zwei aufeinander folgenden Texten in sehr unterschiedlicher Weise. In ihrer einflussreichen Monografie Passages in Modern Sculpture (1977) entfaltet sie ein entwicklungsgeschichtliches Argument, das implizit vom Fortbestand der Gattung bis in die eigene Gegenwart ausgeht. Die Entwicklung von Auguste Rodin bis Robert Smithson, Eva Hesse oder Richard Serra schildert sie als zunehmende Verzeitlichung der Skulptur, die es nicht länger darauf anlege, Bewegung in einem einzigen verdichteten Augenblick darzustellen. Vielmehr vollziehe sie seit Rodin eine Prozessualisierung der Objektformation, die in Arbeiten wie Smithsons Spiral Jetty (1970) kulminiere, wo Entstehung, Vermittlung durch Fotodokumentation beziehungsweise Film und die intendierte Wahrnehmung durch den Betrachter ein Vorgehen bezeugten, das „besessen“ sei „von der Idee einer Passage durch Zeit und Raum“. Ihrem phänomenologischen, die raumzeitliche Erfahrung einzelner Werke untersuchenden Ansatz stellt Krauss in dem Aufsatz Sculpture in the Expanded Field (1979) ein ganz anderes Argument gegenüber. Nun geht sie davon aus, der Skulpturbegriff sei inzwischen so gedehnt, dass er seine Bestimmungskraft einbüße. Im Lichte der Gegenwart erweise sich Skulptur nicht als universelle, sondern als historisch determinierte Kategorie, deren innere Logik von der Denkmalsfunktion geprägt gewesen sei. Erneut wird Rodin als Scharnierfigur zwischen Tradition und Moderne thematisiert, jetzt aber nicht als Initialfigur für die Verzeitlichung der Skulptur, sondern als Zeuge des Leerlaufens der Memorialfunktion. Bei Rodin manifestiere sich erstmals jene Ortlosigkeit, welche die modernistische skulpturale Praxis präge. Am Ende des Modernismus in den 1950er Jahren bleibe nur noch die Negativität von Objekten, die vor einem Gebäude oder in der Landschaft stünden, aber weder Architektur noch Landschaft seien. Die entscheidende Wendung, die sich in den 1960er Jahren in Minimal Art und Land Art vollziehe, bestehe in der Reflexion auf diese Bezüge zwischen der Skulptur und ihrem nicht-skulpturalen Umfeld, die wieder zu positiven Setzungen führe. Unter dem „erweiterten Feld“, in welchem die Skulptur nun agiere, versteht Krauss ein Kraftfeld, das von der Opposition von Architektur und Landschaft als Ausprägung der Oppositionen von Kultur und Natur, Gebautem und Ungebautem bestimmt werde. Den Verknüpfungen der beiden Termini sowie ihrer jeweiligen Negationen ordnet sie vier Typen gegenwärtiger raumbezogener Praktiken zu: 1. „Orts-Konstruktion“ als Verbindung von Landschaft und Architektur (zum Beispiel Smithsons Partially Buried Woodshed, 1970); 2. „markierte Orte“ als Verbindung von Landschaft und Nicht-Landschaft (z.B. Smithsons Spiral Jetty); 3. „axiomatische Strukturen“ als Verbindung von Architektur und Nicht-Architektur (womit Werke gemeint sind, die Grundmerkmale architektonischer Erfahrung thematisieren, beispielsweise Richard Serra oder Bruce Nauman). Die vierte und letzte Kategorie schließlich bildet „Skulptur“ in jener bereits genannten doppelten Negativität als Nicht-Landschaft und Nicht-Architektur. Obschon der Aufsatztitel suggeriert, „Skulptur“ sei noch immer der Oberbegriff, betont Krauss die Gleichwertigkeit und Nicht-Subsummierbarkeit der vier Werkkategorien.

Die Originalität dieses Ansatzes liegt darin, künstlerische Praktiken nicht in Bezug auf ihren Mediengebrauch oder die Evokation bestimmter Erfahrungen zu definieren, sondern als „logische Operationen mit einer Reihe kultureller Begriffe, für die jedes Medium […] verwendet werden kann“. Das Agieren im „erweiterten Feld“, das Krauss mit dem Diskursfeld der Postmoderne gleichsetzt, lässt Kunstproduktion und theoretische Reflexion ineinander fließen. Liegt in erfahrungsästhetischer Perspektive die Antwort auf die Ortlosigkeit modernistischer Skulptur in jener Ortsspezifik skulpturaler Ansätze seit den 1960er Jahren, die Werk, Betrachter und Ort zur konkreten raumzeitlichen Situation zusammenschließt, gewinnen raumbezogene Arbeiten in Krauss’ Aufsatz ihren Ort durch Selbstverortung in einem diskursiven Feld zurück.

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Michael Fried Theatricality Theatralität Minimal Art

Theatricality / Michael Fried als Druckversion (PDF mit Fn. 284 KB)

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Theatricality / Michael Fried

in: skulptur projekte münster 07, Ausstellungskatalog Westfälisches Landesmuseum Münster, hrsg. von Brigitte Franzen, Kasper König und Carina Plath, Köln 2007, S. 465-466.

Den Begriff der Theatralität/Theatricality entwickelte Michael Fried in einer Kritik der Minimal Art, die 1967 unter dem Titel Art and Objecthood erschien. Der Begriff sollte jene Merkmale zusammenfassen, die minimalistische Werke inferior, ja, zum „Gegensatz von Kunst“ werden ließen. Von Kunstwerken erwartet Fried, wie seine Würdigung Anthony Caros zeigt, die Aufhebung ihrer Objekthaftigkeit durch Form. Die syntaktische Verbindung der einzelnen Elemente führe bei Caros Skulpturen zur Illusion abstrakter Modalitäten, beispielsweise der Schwerelosigkeit. Die Erfahrung dieser Modalitäten habe keinerlei subjektiven Einschlag, da der situativ eingebundene Blick des Betrachters von der Skulptur gleichsam neutralisiert werde: Ein einziger Blick aus jeder möglichen Perspektive reiche aus, um das Werk in seiner ganzen Tiefe und Fülle zu erfahren. Auf diese Weise gelinge der Kunst die Herstellung einer „andauernden und zeitlosen Gegenwart“. Diese transzendente Kraft der Kunst wurde gemäß Fried durch die bloß buchstäbliche, konkrete Gegenwart der minimalistischen Objekte zerstört. Frieds Kritik richtete sich insbesondere gegen Robert Morris, der in seinen Notes on Sculpture genau die von Fried abgelehnte Situationsgebundenheit der Kunsterfahrung stark machte. Die Arbeiten nähmen, so Morris, die Beziehungen aus der Arbeit heraus und machten sie „zu einer Funktion von Raum, Licht und Gesichtsfeld des Betrachters“. Inhalt der Erfahrung sollten weniger die inneren Bezüge der Skulptur sein (die ja tatsächlich bis zum Einswerden von Form und Objekt minimiert waren), als vielmehr eine „erweiterte Situation“, die Skulptur, Umraum und Betrachter einschließt und die „körperliche Teilnahme“ des letzteren einfordert. Morris’ Thematisierung der Dauer der Erfahrung kritisiert Fried als „paradigmatisch theatralisch“, da das Theater jene Kunstform sei, die den Betrachter mit der Endlosigkeit einer „zugleich heranrückenden und zurückweichenden“ Zeit konfrontiere. Im Kern zielt der Vorwurf der „Theatralität“ auf den phänomenologischen Zugang zur Kunst, der unter Künstlern und Kritikern dieser Zeit weit verbreitet war. In einem wörtlicheren Sinne theatral werden Werke der Minimal Art jedoch durch ein weiteres von Fried kritisiertes Merkmal, das er Bühnenpräsenz nennt. Die geometrischen Objekte Morris’, Donald Judds und vor allem Tony Smiths wiesen einen latenten Anthropomorphismus auf, der dazu führe, dass man von ihnen „bedrängt“ werde wie von der „stummen Gegenwart einer anderen Person“. Damit widersprach Fried der Selbsteinschätzung beispielsweise Judds, der die „Spezifität“ seiner Skulpturen gerade darauf hin anlegte, über ihre bloße Sichtbarkeit hinaus keinerlei Zeichencharakter zu haben. Er widersprach jedoch auch gewissermaßen sich selbst, da der kritisierte Antropomorphismus ein illusionistisches, ja expressives Moment an der Minimal Art anerkannte, das er ihr aufgrund der Gleichsetzung von Form und Objekt zugleich absprach.

Frieds Kritik der Minimal Art erfolgte vor dem Hintergrund eines kunsttheoretischen und kunstgeschichtlichen Argumentes, das er in den folgenden Jahren auf die gesamte Moderne ausweitete. Der Gegensatz zwischen Theatralität/Theatracility und Versunkenheit/Absorption (wie Fried den positiven Gegenpol der Kunsterfahrung nannte) wurde in Monografien zur Kunst des 18. Jahrhunderts, Gustave Courbet und Edouard Manet zum ebenso künstlerischen wie moralischen Grundkonflikt der Moderne erklärt. Die hier entfaltete These lautet wie folgt: Im 18. Jahrhundert bilde sich die Grundkonvention heraus, dass Kunstwerke für die Betrachtung geschaffen seien. Der intentionale Betrachterbezug habe zur Folge, dass künstlerische Strategien entwickelt werden müssten, das Werk in sich versunken erscheinen zu lassen. Erst die Versunkenheit des Werkes in sich selbst erzeuge die Fiktion der Nichtexistenz des Betrachters, und erst diese wiederum ermögliche der Kunst die Existenz in jener „andauernden und zeitlosen Gegenwart“, die Fried als Kriterium künstlerischen Gelingens ansieht. Ob im Verweben von kunstkritischen, kunsttheoretischen und kunstgeschichtlichen Argumenten eher die Stärke oder aber die Schwäche von Frieds Argumentation liegt, ist in der Fried-Rezeption umstritten.

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