Kocherscheidt Malerei Skulptur

Kocherscheidt – Sartre – Rihm als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 34.100 KB)

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“Ein Lob dem groben Schnitt, dem brechenden Rand und der Bildentgleisung.” Kocherscheidt – Sartre – Rihm

in: Brustrauschen. Zum Werkdialog von Kurt Kocherscheidt und Wolfgang Rihm, hrsg. von Heinz Liesbrock, Stuttgart 2001, S. 28-53.


Für Andreas Cremonini

Kapitel I

Betritt man den Raum des Morat-Instituts, den Kurt Kocherscheidt selbst eingerichtet hat, dann fallen zwei Besonderheiten ins Auge, die seinen spezifischen Umgang mit dem Medium des Bildes bezeugen. Zum einen begegnen wir hier skulpturalen Werken, die der dezidierte Maler, der Kocherscheidt war, erst spät in seinem Werk zu entwickeln begann. In der Nachbarschaft zu den Bildern wird sogleich spürbar, daß diese Skulpturen eine Konsequenz seines malerischen Ansatzes sind. Er selbst hat es so in seinen Lebens- und Werkerinnerungen, die den doppeldeutigen Titel “Das fortlaufende Bild” tragen, beschrieben. Von welcher Konsequenz, von welchem malerischen Ansatz künden sie? Was veranlaßte ihn, mit einem Mal das vertraute Medium zu wechseln und das Bild zu überschreiten?

Die andere Beobachtung betrifft die signifikante Art und Weise, in der Kocherscheidt seine Malereien gehängt hat. Unter Ausstellungsbedingungen werden Bilder üblicherweise entlang einer Horizontalen plaziert, die ungefähr mittig und wie ein imaginärer Horizont durch die Bilder läuft. Von dieser einmittenden Linie erstrecken sie sich entsprechend ihrer Größe mehr oder weniger nach oben und nach unten. Dieser imaginäre Bildhorizont definiert die Beziehung von Betrachterauge und Bild, dadurch erhält selbst das flachste Bild den Charakter einer illusionistischen Vertiefung. Kocherscheidt hingegen hat seine Bilder so gehängt, daß deren jeweilige Oberkanten die den verschiedenen Bildern gemeinsame, umlaufende Linie bilden. Diese Linie liegt sehr hoch, weit über dem Auge des Betrachters. Von ihr scheinen die Bilder gleichsam herabzuhängen. Sie werden damit zu eigentlichen Bildstücken, so wie man von Fleisch- oder Holzstücken spricht – sie sind morceauxstatt tableaux, wie es die kunstkritische Terminologie des 19. Jahrhunderts nannte. Das Herabhängen akzentuiert ihre Dichte und Undurchdringlichkeit sowie ihren Anti-Illusionismus. Daß die Skulpturen jeweils sockellos auf dem Boden stehen und (mit einer einzigen Ausnahme) an die Wand gelehnt sind, scheint sich dem selben Impuls zu verdanken. Doch welchem?

Die beiden Beobachtungen betreffen vor allem das Spätwerk, wenn man bei Kocherscheidts frühem Tod legitim von einem solchen sprechen darf. Sie dienen mir als Hinweise für den Versuch, vom Ende her den künstlerischen Weg nachzuzeichnen, den Kocherscheidt ging. Es ist ein Weg, der äußerst konsequent erscheint, so als wäre er durch eine einzige Frage gebahnt worden.

Punkt Marcel Duchamp Kapitel I
Marcel Duchamp Pfeil Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
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